Rede der Schülerin Charlotte S.
© Archiv FOSBOS Neusaess

Im Rahmen des Seminars „Namen statt Nummern“, das in Kooperation mit der ErinnerungsWerkstatt Augsburg e. V. durchgeführt wurde, setzten sich Schülerinnen und Schüler intensiv mit Einzelschicksalen von Menschen auseinander, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und deportiert wurden. Ausgangspunkt der Recherche bildeten Deportationslisten der Stadt Augsburg, anhand derer konkrete Biografien rekonstruiert wurden.

Ziel des Projekts ist es, den Opfern ihre Namen und Geschichten zurückzugeben und sie nicht auf bloße Zahlen zu reduzieren. Die erarbeiteten Ergebnisse werden im digitalen Gedenkbuch der Stadt Augsburg veröffentlicht und leisten damit einen nachhaltigen Beitrag zur lokalen Erinnerungskultur.

Ein besonderer Höhepunkt war die Präsentation von mehreren recherchierten Lebensgeschichten beim Holocaust-Gedenktag der Stadt Augsburg. Drei Schülerinnen, darunter Charlotte S. stellte dabei die Biografie eines Augsburger Schuhfabrikanten vor und machte dessen Schicksal für die Anwesenden eindrücklich nachvollziehbar. Durch die intensive Auseinandersetzung mit historischen Quellen wurde Geschichte greifbar und persönliche Erinnerung lebendig.

Das Projekt zeigt, wie wichtig individuelle Erinnerungsarbeit für das Verständnis von Geschichte ist, und verdeutlicht zugleich die Bedeutung von Engagement junger Menschen für eine lebendige Gedenkkultur.

Rede der Schülerin Charlotte S.

"Heutzutage machen wir Bilder von allem – von Geburtstagen, im Urlaub, natürlich ganz viele Selfies. Wir halten so viele Erinnerungen fest, damit ja niemand vergessen wird. Aber von Albert Levinger gibt es kein Foto. Nicht eines. Und das ist kein Zufall. Millionen Gesichter wurden ausgelöscht. Wir erkennen Hitlers Gesicht sofort, aber die Gesichter seiner Opfer? Sie sind verschwunden. Sie heißen „die sechs Millionen“, eine Zahl ohne Namen, ohne Gesicht.

Ich habe über ein halbes Jahr lang mich mit der Person Albert Levinger und seinem Leben im Kontext des Nationalsozialismus beschäftigt – ein Mann, der im Schatten der Geschichte fast unsichtbar geworden ist.

Sehr schnell entstand ein Bild von ihm in meinem Kopf – zuerst aber das Bild des Leidens:

Ich sah einen Mann, alleine und verzweifelt, der Mitte der 1920er Jahre mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatte, sich verschuldete und die Schuhwarenfabrik seines Vaters Schritt für Schritt durch wirtschaftliche Krisen und die gnadenlose Politik der Nazis verloren hatte.
Ich sah einen Mann, dessen Familie und Verwandten emigrierten, während er ganz alleine in Augsburg zurückblieb.
Ich sah einen KZ-Häftling, der 1940 nach Dachau deportiert wurde und dessen Leid und Schmerz ich mir gar nicht vorstellen möchte.

Irgendwann wurde mir klar: Das ist nicht fair gegenüber einem Menschen. Albert Levinger war mehr als sein Leid und er war viel mehr als nur ein Opfer des NS-Regimes. Er war ein Unternehmer, der die Schuhwarenfabrik seines Vaters zum Blühen brachte und stolz auf seine Arbeit war. Der Standort der Fabrik war in der Haunstetterstraße und hatte in ihren besten Tagen über 100 Mitarbeiter. Bis nach Skandinavien lieferte der Familienbetrieb seine Waren.

Die Schuhwarenfabrik Levinger war ein Teil dieser Stadt. Sie nutzte die Wasserkraft des Lechs, sie gab Augsburgern Arbeit und versorgte somit zahlreiche Familien mit Einkommen. Quellen berichten von einer Fabrik, deren, ich zitiere, „Ruf und Ansehen ohne Bedenken sei“. Die Familie Levinger und auch Albert Levinger selbst prägten die Stadt Augsburg nicht nur wirtschaftlich, sondern auch menschlich.

Albert Levinger war ein richtiger Augschburger, der dieser Stadt auch bis zu seinen letzten Tagen treu blieb. Bis 1935 lebte er in der Schülerstraße. Er machte eine Ausbildung in der Maximilianstraße und lebte kurzzeitig auch am Kaisersplatz, der heutigen Konrad – Adenauer – Allee. Orte, die wir alle kennen, die mitten in unserer Stadt liegen.

Die Geschichte von Albert Levinger ist auch die Geschichte Augsburgs. Sie erzählt von einer Stadt, die einst jüdische Unternehmer willkommen hieß, deren Betriebe das Leben hier prägten – und von einer Zeit, in der diese Menschen systematisch ausgegrenzt und vernichtet wurden. Die Wasserkraft, die damals die Maschinen der Levinger-Fabrik antrieb, fließt noch heute durch unsere Stadt. Aber die Menschen, die hier lebten, sind verschwunden – wenn wir ihre Geschichten nicht erzählen.

Und genau deshalb möchte ich heute nicht nur an das Ende Albert Levingers erinnern, sondern an sein Leben. An die Momente, die Albert Levinger zu dem Menschen gemacht haben, der er war.

Ich möchte ihm etwas zurückgeben: einen Namen, eine Geschichte, einen festen Platz in unserer Erinnerung. Damit er nicht länger nur eine Nummer bleibt."